Wer er war
Merlin
Geboren am 29. April 2008. Gestorben am 17. März 2025, sechs Wochen vor seinem siebzehnten Geburtstag.
Seine Lieblingsfarbe war lange Grün.
Der Anfang war schwer
Merlin sprach spät. Statt Worten benutzte er uns: Er zog uns in die Richtung, in die er wollte, oder zeigte auf das, was er meinte. Er hatte Probleme mit der Motorik und war ständig unruhig.
Spielzeug interessierte ihn wenig, Mechanik dagegen sehr. Alles mit Klappen, Scharnieren oder einer Lampe, die man über einen Schalter anschalten konnte, zog ihn an. Einmal ließ er ein Weihnachtsgeschenk links liegen und spielte stattdessen mit der Verpackung. Die fand er interessanter.
Im Kindergarten galt er als verhaltensauffällig. Zuerst lautete die Diagnose ADHS, später kam Autismus dazu — das entscheidende Wort brachte seine Schulbegleitung ins Spiel. Die Diagnose war ein Schock und eine Erleichterung zugleich: Endlich gab es eine Erklärung.
In der ersten Klasse saß er eine ganze Unterrichtsstunde lang am Buchstaben A. Er schnitt ihn aus, verwarf ihn, fing neu an. Das Ergebnis war ihm nie gut genug. Seine Lehrerin sagte uns damals, er werde vielleicht am Ende der vierten Klasse lesen und schreiben können.
Er wollte keine Sonderbehandlung
Je älter Merlin wurde, desto ruhiger wurde er. Irgendwann sorgte er selbst dafür, dass sämtliche Maßnahmen eingestellt wurden — keine Schulbegleitung mehr, keine Autismustherapeutin. Er wollte ein ganz normaler Junge sein und verabscheute jede Form von Sonderstellung.
Wir haben seinem Wunsch entsprochen. Es klappte hervorragend.
Ein Pfarrer, dessen Tochter in Merlins Klasse ging, fragte einmal nach: „Ach, der autistische Junge mit der Schulbegleitung?” Seine Tochter antwortete: „Papa! Er ist ein ganz normaler Junge, und er hat schon lange keine Schulbegleitung mehr.”
In seinen letzten Jahren wurde er selbstständig. Er musste nicht mehr zum Lernen ermuntert werden, seine Noten verbesserten sich deutlich. Das Abitur war noch zwei Jahre entfernt.
Wie er dachte
Merlin begrüßte niemanden, der die Wohnung betrat. Auf Fremde wirkte das abweisend. Für ihn war es schlicht sinnlos, wie er einmal sagte — eine Begrüßung diene ja nur der Höflichkeit. Wenn man das zu Ende denkt, hat er recht.
Zeitangaben mussten genau sein. Eine Lehrerin las einmal die ungefähre Uhrzeit vor. Merlin korrigierte: „Es ist etwa acht Uhr vierzehn.”
Im Religionsunterricht kam er nicht gut zurecht. Er sagte offen, dass er „den ganzen Quatsch mit Gott und so” nicht glaube. Unsere Autismustherapeutin sagte uns, das sei bei Autisten nicht ungewöhnlich. Ich konnte ihn gut verstehen.
Lob schien an ihm abzuprallen. Meine Frau sagte mir oft, ich solle ihm häufiger sagen, wie stolz wir auf ihn sind. Ich habe es getan. Ich hatte nie das Gefühl, dass es bei ihm ankam.
Minecraft, Mario, Discord
Merlin war seit Jahren Minecraft-Spieler. Er betrieb einen eigenen Discord-Server mit rund 500 Mitgliedern, eine Plattform für Gleichgesinnte bestimmter Spiele. Dazu kamen zwei TikTok-Accounts mit etwa 500 und 1000 Followern.
Das andere große Thema war Nintendo, und das zog sich durch sein ganzes Leben. Angefangen hat er auf der Wii, später kam ein 3DS dazu, dann die Switch.
Vor allem Super Mario. Er spielte nicht nur die neuen Teile — die alten mochte er genauso, vom Nintendo 64, vom Super Nintendo, sogar vom NES. In Super Mario Maker 2 auf der Switch kann man eigene Level bauen. Genau das hat er getan.
Mario Party haben wir oft zusammen gespielt.
Sein größter Wunsch war deshalb die Nintendo Switch 2. Er sparte monatelang darauf hin, genug für die Konsole und mehrere Spiele. Er verfolgte jede Meldung und kannte jedes Detail, das vorab durchsickerte. Die Konsole wurde drei Wochen nach seinem Tod vorgestellt.
Auf der Xbox spielte er Ori and the Will of the Wisps. Ich habe ihm oft dabei zugesehen.
Sein Humor
Wer bei „Autist” an einen stillen, zurückgezogenen Jungen denkt, lag bei Merlin falsch. Er trieb ständig Schabernack und brachte Leben in die Bude. Kontaktscheu war er nicht, im Gegenteil.
Merlin filmte unseren Alltag, oft ohne dass wir es merkten. Den Poolaufbau im Garten. Den Weg zum Supermarkt mit seinem Bruder. In vielen dieser Videos spricht er selbst in die Kamera, macht Witze, bringt uns zum Lachen.
Umgekehrt war es schwierig, ein normales Foto von ihm zu bekommen. Sobald eine Kamera auftauchte, zog er Grimassen. Am liebsten war er ohnehin Fotobombe — lieber unerwartet in einem fremden Bild als ordentlich in seinem eigenen.
Er nahm nie ein Blatt vor den Mund. Beim Abendessen sagte er ungefiltert, wenn er etwas „eklig” fand.
Wenn jemand die Konsequenzen seines Handelns unmittelbar zu spüren bekam, sagte Merlin: „Instant Karma.”
Mit sieben oder acht lud er ein Nachbarsmädchen zu seinem Geburtstag ein. Als sie kam, war unser Patenkind schon da — für Merlin so etwas wie ein Idol. Er fing sie vor der Tür ab, bevor sie überhaupt hereinkam, und sagte:
Mein Patenkind ist schon da, Du brauchst also nicht mehr zu meinem Geburtstag zu kommen. Aber gib mir noch das Geschenk, dann kannst Du ja wieder gehen.
Sie kam trotzdem wieder. Sie war eines der wenigen Kinder, die mit ihm zurechtkamen, und sie verzieh ihm jedes Mal. Auch nach Tagen Funkstille stand sie irgendwann wieder vor der Tür.
Aus diesem Nachbarskind wurde seine beste Freundin. Sie zog später weg, aber sie blieben in Kontakt — jahrelang, über WhatsApp, bis zuletzt. Bei seiner Beerdigung war sie dabei.
Er und seine Mutter
Die beiden hatten ihre Rituale. Sobald Flowers von Miley Cyrus im Radio lief, wurde mitgesungen, jedes Mal. Und sie sahen zusammen Horrorfilme — das war ihre gemeinsame Sache.
Im Sommer waren sie oft zusammen im Pool. Dann spielten sie Titanic, riefen sich „Rose!” und „Jack!” zu und sangen My Heart Will Go On.
Irgendwann wurde daraus eine ernsthafte Frage: Hätte Jack auf die Luftmatratze gepasst und überlebt? Sie haben es ausprobiert, mehr als einmal. Merlin blieb unbeirrt dabei, es sei wissenschaftlich erwiesen, dass Jack hätte überleben können.
Was andere über ihn geschrieben haben
Nach seinem Tod schrieb ihm ein Mitschüler, den er nicht einmal in seinen Kontakten hatte, eine Nachricht — adressiert an Merlin im Himmel. Er sei immer ein toller Junge gewesen. Durch seinen Autismus sei er zwar anders, aber viel interessanter als andere gewesen.
Ein Junge aus seiner Klasse blieb nach der Beerdigung noch lange an seinem Grab stehen, als alle anderen längst gegangen waren.
Auf einem Blumenkorb standen die eigenhändigen Unterschriften seiner gesamten Stufe. Auf einem anderen, in den Farben der Schule: „Merlin, Du fehlst.”
Still war er nur allein
Am Computer konnte Merlin stundenlang sitzen, konzentriert und ohne einen Ton. Dort verbrachte er viel Zeit.
In Gesellschaft war er das Gegenteil. Wenn die Großeltern zu Besuch kamen, wenn er mit seinem Bruder spielte, wenn er mit seiner Mutter herumalberte — dann wurde es nie leise. Manchmal ging uns das auch auf die Nerven.
Heute ist es hier viel zu ruhig.